Toxische Beziehungen / Narzisstisches Verhalten

 

Kennst Du das Gefühl, dass Dich ein anderer Mensch sehr viel Energie kostet? Dass die Gespräche und Begegnungen mit ihm oder ihr anstrengend sind und Du Dich hinterher erschöpft, traurig, schuldig fühlst? Dass nichts, was Du für ihn oder sie tust, jemals gut genug ist? Dass er oder sie Dich oft falsch versteht, Dir die Worte im Mund herumdreht und Du das Gefühl hast, Dich rechtfertigen zu müssen? Dass er oder sie abwechselnd sehr freundlich und liebevoll zu Dir ist und dann wieder kalt und abweisend und dass Dich das zermürbt? Dass seine oder ihre Realität offenbar eine ganz andere ist als Deine und Du deswegen an Dir und Deiner Wahrnehmung zweifelst?

 

Wahrscheinlich erschien Dir diese Person zumindest anfangs sehr anziehend und um Dich bemüht. Wenn es sich um Deinen Partner oder Deine Partnerin handelt, so hattest Du bestimmt das Gefühl, endlich den oder die Richtige gefunden zu haben. Alles schien auf magische Art zu passen, Du fühltest die Seelenverwandtschaft, nach der Du Dich gesehnt hast, und wurdest auf einen Sockel gestellt. Wenn es ein Freund oder eine Freundin ist, dann hattet Ihr eine tolle Zeit, Du hast ihn oder sie bewundert und er oder sie hat Dich ermutigt und aufgebaut. Erkennst Du darin Deine Mutter oder Deinen Vater wieder, so wünschst Du Dir sicherlich endlich Liebe, Anerkennung und mitfühlendes Interesse und hoffst immer auf ein – und sei es auch noch so winziges – Zeichen dafür. Doch statt der Erfüllung Deiner Erwartungen und Wünsche erntest Du Kälte, Abweisung, Desinteresse. Wenn Du versuchst, darüber mit der Person zu sprechen, kommst Du Dir vor, als liefest Du gegen eine Mauer. Du bekommst entweder zur Antwort, dass Problem existiere gar nicht und Du würdest Dir alles nur einbilden. Oder aber es liege an Dir, Du seiest an allem schuld. Während Du darüber grübelst, ob da etwas dran sein könnte, kommt von Deinem Gegenüber eine nette Geste und schon zappelst Du wieder an seiner oder ihrer Angel.

 

Diese Art von Beziehung kann für Dich toxisch sein. Durch die dauernde Abwertung und die Zweifel an Dir selbst leidet Dein Selbstwertgefühl. Wenn regelmäßig Deine Grenzen überschritten werden und Du übergriffiges Verhalten erträgst, nimmt Deine gesunde Selbstliebe Schaden, denn Du lernst dadurch, Du seiest es nicht wert, auf Dich zu achten und gut behandelt zu werden. Das wiederkehrende Hin und Her zwischen (oft übertriebener) Aufmerksamkeit und emotionaler Kälte oder gar Abweisung lässt Dein inneres Gleichgewicht und Deine seelische Stabilität schwinden. Dauert dieser Zustand länger an, können sich psychosomatische Beschwerden oder sogar Autoimmunerkrankungen einstellen. (1)

 

Menschen, die für andere toxisch wirken, zeigen oft narzisstische Verhaltensweisen. Der Begriff Narzissmus wird recht inflationär gebraucht, dabei ist die Abgrenzung zwischen gesunder Selbstliebe, Narzissmus (im Sinne von Selbstidealisierung und Fremdabwertung) und narzisstischer Persönlichkeitsstörung schwierig. Hier soll es aber nicht darum gehen, Dein Gegenüber wissenschaftlich einwandfrei „einzuordnen“, sondern um Dich und Deine psychische Gesundheit. Wenn Du unter dem Verhalten eines anderen Menschen leidest, ist es völlig egal, wie dieser korrekt zu betiteln wäre. Wichtig ist, dieses Leiden zu beenden und einen besseren Weg für Dich zu finden. Der einfacheren Darstellung wegen werde ich hier ganz unwissenschaftlich dennoch von „Narzissten“ sprechen und meine damit die Menschen, die sich Dir gegenüber dauerhaft oder immer wieder auf eine Art und Weise verhalten, dass Du Dich deswegen unwohl fühlst, und die auch nicht bereit sind, daran etwas zu ändern oder Dich zumindest in Ruhe zu lassen, wenn Du sie darum bittest.

 

Wenn Du es mit einem Narzissten zu tun hast, lautet die unangenehme Wahrheit: Die Person, die Du liebst, existiert nicht. Du liebst eine leere Hülle, in der ein Chamäleon sitzt. Dieses Chamäleon passt sich anfangs an die Erwartungen seines Gegenübers an, um Bewunderung und Energie zu bekommen. Narzissten haben ein geringes Selbstwertgefühl, was sie meist (aber nicht immer) mit einer großartigen Selbstdarstellung überspielen, und brauchen permanent die Anerkennung anderer. Daher reagieren sie auf Kritik sehr empfindlich. Haben sie Dich erst an ihrer Angel, saugen sie Deine Energie wie ein Vampir. Dabei zeigen sie wenig Empathie und sind oft Meister der Manipulation. Was es so schwierig macht, sich davor zu schützen, ist die Tatsache, dass die abwechselnd freundliche und dann wieder abweisende oder gar abwertende Behandlung emotional abhängig macht. Dein Gehirn reagiert darauf wie bei einer Sucht. Außerdem bist Du irgendwann völlig verunsichert und zweifelst an Dir selbst, Deiner Wahrnehmung und Deinen Gefühlen. Dann fragst Du Dich, wer hier eigentlich „spinnt“. Du möchtest ihm oder ihr auch nicht Unrecht tun und vielleicht hast Du ja tatsächlich etwas falsch gemacht, Dir nicht genug Mühe gegeben, bist zu empfindlich usw. Aus diesem Kreislauf zu entkommen und den nötigen emotionalen Abstand zu gewinnen, ist nicht leicht, aber mit ein bisschen Arbeit möglich. Auch hier gilt: Wenn Du es wirklich willst, dann kannst Du das auch.

 

Ich bin diesen Weg selbst gegangen und gehe ihn noch. Daher kann ich Dir versichern: Es lohnt sich. Anfangs bin ich in einige Fallen getappt und habe Blessuren davongetragen, aber ich habe gelernt, mich zu schützen und mit diesen Verhaltensweisen so umzugehen, dass sie mir nicht mehr schaden. Dasselbe Ergebnis wünsche ich Dir und ich kann Dir dabei helfen, Fallstricke zu meiden und innere Stabilität zu erlangen. Damit Du wieder zu Deiner Kraft und zu Deinem alten Selbst zurückfindest und ein Leben leben kannst, das Dir gut tut.

(1) Song H. et al., Association of Stress-Related Disorders With Subsequent Autoimmune Disease, JAMA 2018, 319, 2388-2400; https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/stressreaktionen-triggern-offenbar-autoimmunerkrankungen; Dr. med. Lissa Rankin, Mind over Medicine - Warum Gedanken oft stärker sind als Medizin: Wissenschaftliche Beweise für die Selbstheilungskraft.

© 2019 by Sabine Förster